Fernab der Heimat

Deutsche Kriegsgefangenenpost des Zweiten Weltkriegs

Deutsche Kriegsgefangenenpost des Zweiten Weltkriegs

Rund elf Millionen deutsche Soldaten kamen während des Zweiten Weltkriegs (1939 – 1945) in Kriegsgefangenschaft, ein Großteil davon erst in den letzten Monaten vor Kriegsende. Die vier Siegermächte USA, Großbritannien, Frankreich und UdSSR hielten die Wehrmachtsangehörigen in Gewahrsam. Deren Lager befanden sich neben Europa, Nordamerika und Asien auch in Afrika und Australien. Die Bedingungen der Gefangenschaft unterschieden sich ebenso wie die Zeitpunkte der Heimkehr. Während viele schon nach Kriegsende oder bis 1948 freigelassen wurden, kehrten die letzten erst 1956 in ihre Heimat zurück.

Die Kriegsgefangenenpost war dabei gleichzeitig Lebenszeichen als auch Rückzugsort und eine kurze Flucht aus dem Lageralltag. Weder durften, noch wollten die Gefangenen über bestimmte Themen schreiben. Entsprechend steht der Inhalt der Briefe im Kontrast zu den Lebenswirklichkeiten: Krieg, Gewalt und Verbrechen spielten kaum eine Rolle. Man könnte beim Lesen fast vergessen, dass es sich um ehemalige Soldaten handelt, vielmehr um sorgende Familienväter, vermisste Söhne oder liebende Ehemänner.

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Prisoner of War Index Card, 1944
Die Karte diente der Identifizierung der Kriegsgefangenen und als deren Ausweis

Kriegsgefangenenpostkarte aus russischer Gefangenschaft, 1948
Eine beispielhafte Postkarte aus der damaligen Sowjetunion (CCCP in kyrillischer Schrift)

Das Medium Kriegsgefangenenpost

Vorschriften und Aufbau

Die Kriegsgefangenenpost bildet nur eine Art der sogenannten Kriegspost – neben der Feld- und der Heimkehrerpost – ab. Gemeinsam war allen drei die Gebührenvergünstigung. Gemäß den Bestimmungen des 1929 beschlossenen Genfer Abkommens über die Behandlung von Kriegsgefangenen waren solche Sendungen grundsätzlich portofrei zu transportieren. Ein Unterschied zeigt sich aber bei der schieren Anzahl: Auf rund 40 Milliarden verschickte Feldpostsendungen während des Zweiten Weltkriegs kamen Schätzungen zufolge gerade mal 400 Millionen Kriegsgefangenenpostsendungen.

Kontakt durfte nur mit Familienangehörigen aufgenommen werden. Diese hatten auch die Möglichkeit, Pakete an ihre Angehörigen in den Lagern zu senden.

Verderbliche Waren sollten vermieden werden, auch ein Inhaltsverzeichnis der Waren war Pflicht, andere Schreiben durften nicht beigelegt werden. Der Versand von Büchern war ebenso möglich – allerdings nur über einen Buchhändler. Politische und antiquarische Bücher wurden ausgeschlossen, gleiches galt für solche mit Widmungen.

Wie bei der Feldpost stellten die Briefe der Verwandten aus der Heimat insgesamt die größte Zahl an Sendungen dar, da sie keiner Begrenzung unterlagen – erhalten blieben aber zumeist nur die Briefe der Soldaten an ihre Familien. Gründe hierfür waren die widrigen Lebensbedingungen als Kriegsgefangener, regelmäßige Kontrollen, Verlegungen oder spätestens der Weg in die Heimat.

Der Aufbau einer Postkarte

Einiges hat sich an Postkarten bis heute nicht geändert. Doch was charakterisiert eine Postkarte aus einem Kriegsgefangenenlager? Während die Rückseite ebenso die persönliche Nachricht enthielt, finden sich auf der Vorderseite entscheidende Unterschiede.

Drei Arten der Kriegsgefangenenpost

Vordrucke stellten sowohl das Rote Kreuz als auch die Gewahrsamsländer bereit. Die Kriegsgefangenenpost lässt sich dadurch grob in drei Kategorien einteilen: Postkartenvordrucke, die in etwa dem DIN A6-Format entsprechen und das häufigste Kommunikationsmedium darstellten, Faltbriefvordrucke zumeist mit Stecklasche, die circa zwei- bis dreimal so viel Platz boten, und frei verfasste Briefe in Umschlägen, die in Zahl und Größe variierten, aber auch die seltenste der drei Formen bildeten.

Auffällig ist, dass insbesondere aus der UdSSR vermehrt nur einfache Karten und keine Faltbriefe erhalten sind. Ausführliche Texte finden sich dort, im Gegensatz zur USA oder Großbritannien, kaum. Kontrolliert wurden jedoch alle, was insbesondere die Zensurstempel belegen.

Postkarten

Faltbriefe

Freie Briefe

Familie, Heimweh und das Lagerleben

Inhalte und Motive in den Briefen

In den Postkarten schrieben die meisten Gefangenen häufig nur knapp von passabler Verpflegung und gesundheitlichem Wohlergehen. Wirft man jedoch einen Blick in die Briefe, werden die Themen diverser.

Die Gefangenen waren vor allem am Schicksal ihrer Familie, Freunde und Verwandten interessiert, von Gewalt und Krieg war kaum die Rede. Die meisten berichteten von der Hoffnung – oder Ungewissheit – auf die baldige Entlassung, vor allem aber von der Sehnsucht nach Familie und Heimat. Sie wollten Teil der Familie bleiben und Anteil an deren Leben nehmen.

Der Lageralltag spielte in den Briefen meist nur eine untergeordnete Rolle. Vermutlich, weil er zu eintönig und beschwerlich war, als dass man darüber berichten wollte oder durfte. Wurde der Lageralltag doch geschildert, dann zumeist nur durch positive Erfahrungen und Freizeitbeschäftigungen. Dazu zählte Sport, vor allem Fußball, das Einstudieren und Aufführen von Theaterstücken oder die Teilnahme an Gesangsgruppen und Lagerorchestern.

Der Besuch von Filmvorführungen und lagereigenen Bibliotheken sowie der Zugang zu Tageszeitungen und Möglichkeiten der universitären Fortbildung zählten ebenso zum Zeitvertreib. Es zeigt sich, dass insbesondere die US-Amerikaner ihre Gefangenen gut behandelten, gerade in der Sowjetunion herrschten zumeist andere Zustände. Lagerarbeit bestimmte den Alltag.

Deutsche Kriegsgefangene arbeiteten in fast allen Bereichen der Wirtschaft im Gewahrsamsland. Das umfasste u.a. die Bauwirtschaft zur Enttrümmerung zerstörter Städte und deren Wiederaufbau, die Holzgewinnung, den Bergbau und die Landwirtschaft. Dies kam auch nahegelegenen Ortschaften zu Gute: Kriegsgefangene waren nicht nur billige Arbeitskräfte, die dringend gebraucht wurden, sondern kurbelten auch die örtliche Wirtschaft an. Statt Sold gab es jedoch nur Lagergeld. Offiziere erhielten in den USA je nach Dienstgrad zwischen 20 und 40 Dollar. Nicht arbeitende Mannschaften und Unteroffiziere mussten mit einem Taschengeld von drei Dollar auskommen, später sogar von einem pro Monat. Arbeitende Kriegsgefangene konnten nochmals zwischen 80 Cent und 1,20 Dollar pro Tag verdienen.

Motive in den Briefen

„Ich trage das Gefühl in mir, dass ich von Euch Allen vergessen worden bin.“

Nachricht von Zuhause

„Bis jetzt habe ich fuer Dich besorgt: Naeh- und Stopfnadeln, Zwirn, Stopfwelle, Sacharin Kakao, Bohnenkaffee, Erbsen, Gummiband.“

Erwerb von Gebrauchs- und Verbrauchsartikeln

„Bekanntlich erhalten wir eine Art Lagergeld, das wir nur in der Kantine umsetzen koennen, wo es aber nicht immer alles zu haben ist“

Einkommen und Bezahlung

„Erstens mal brauche ich mich den engl. Farmern nicht mehr rumzuärgern und die mehr oder weniger schwere körperliche Arbeit fällt für mich weg.“

Arbeit im Lager

„Es ist ja mit Schmerzen verbunden, aber das macht nichts. Die Bohrmaschine ist mit fussbetrieb!“

Ärztliche Versorgung und Zahnbehandlung

„Heute früh hatte ich eigentlich vor in die Kirche zu gehen aber leider habe ich es verschlafen.“

Urlaub und Freizeit im Lager

„Meine Lieben über einige Sachen mache ich mir jetzt meine Gedanken, was wird aus mir werden wenn ich in einigen Monaten heimkehre?“

Leben nach der Gefangenschaft

„Nur die Sehnsucht nach der Heimat und nach meinen Lieben brennt unvorstellbar in meinem Herzen.“

Heimweh

Der Sieger liest mit

Die Postzensur

Die Zensur spielte bei der Kriegsgefangenenpost eine entscheidende Rolle. Sie wirkte sich nicht nur auf die Begrenzung der Zeilenanzahl oder die geforderte Leserlichkeit der Briefe aus. Auch eine „offene Sprache“, deren Bedeutung klar sei, keine Versiegelung sowie dunkle Tinte waren Voraussetzung. Kurzschrift, Ziffern, Codes, Geheimzeichen, Musiknoten oder der Verweis auf Buchstellen waren verboten. Gleiches galt für Auskünfte über feindliche Streitkräfte, die öffentlich-politische Lage oder Informationen, Ereignisse und Zustände im Lager, ebenso für Zeichnungen, Skizzen, Karten oder Bilder. Dazu kam auch die psychologische Wirkung der offenen Korrespondenz – ein Briefgeheimnis gab es nicht, theoretisch konnte jeder mitlesen.

Hielt sich der Gefangene nicht an die Vorschriften, wurden bei kleineren Vergehen entsprechende Stellen ausradiert oder geschwärzt. Andernfalls erhielt der Schreiber die Sendung zurück.

Aber nicht immer wurden die Formalia, sowohl von Seiten der Internierten als auch den Vertretern der Gewahrsamsmacht, stringent eingehalten. Die genauen Regularien unterschieden sich nochmals je nach Gewahrsamsland. Beschränkungen gab es auch bei der Anzahl der Briefe. Die Mehrheit der Alliierten erlaubte zeitweise monatlich zwei Briefe und vier Karten. Diese Vorschriften wurden allerdings aufgrund der administrativen und logistischen Herausforderungen immer wieder angepasst und heruntergesetzt.

Albrecht Robertson, 1942, Inv.Nr. 3.2014.2179.3
Der Schreiber war kein Kriegsgefangener, sondern Zivilinternierter in Indien

Albrecht Robertson, 1942, Inv.Nr. 3.2014.2179.2
Der Brief wurde nicht durch Schwärzung zensiert, sondern der komplette untere Teil entfernt

Wilhelm Pons, 1944, Inv.Nr. 3.2012.5272.3

Wilhelm Pons, 3.2012.5272.2
Der Sender schreibt aus kanadischer Kriegsgefangenschaft, bevor er anschließend nach Großbritannien verbracht und dort 1946 entlassen wird

“[…] seit vielen Monaten ohne Post von euch”

Der Postweg

Die Laufzeit einer Postsendung betrug durchschnittlich sechs bis zehn Wochen, manchmal auch länger, je nach zurückgelegter Distanz. Aus den Lagern wurde sie zumeist in eine zentrale Dienststelle im Gewahrsamsland verbracht, geprüft und gesammelt per Schiff oder Bahn verschickt.

Bevor sie jedoch zugestellt wurde, erfolgte auch in Deutschland bis Kriegsende eine weitere Zensur. Die Gemächlichkeit der Postverbindungen ergab sich neben der schlechten Organisation, der unzureichenden Transportmittel auch aus der Überlastung der Zensurstellen. So lag die Zahl der Lager in den USA zu Kriegsbeginn bei 23 Hauptlagern und zehn provisorischen Standorten, auf die insgesamt 182 ZensorInnen kamen. Bis August 1945 waren es bei 155 Haupt- und 511 Nebenlagern gerade mal 1.613 Prüfende.

Erst durch die Luftpost ergab sich eine deutlich schnellere Transportmöglichkeit, die allerdings freiwilliger Nutzung und zusätzlichen Frankierungskosten unterlag.

Da die Kriegsgegner während des Krieges keine Beziehungen unterhielten, erfolgte der Austausch der Post über neutrales Land. Schwerpunkte bildeten u.a. die Türkei für Asien und Afrika, sowie Lissabon für Großbritannien und Nordamerika. Aber auch die Schweiz, vor allem Basel und Genf, waren wichtige Knotenpunkte. Ebenso versuchte das Internationale Komitee des Roten Kreuzes vermittelnd zu agieren. Mit Fortschreiten des Krieges und der Invasion Frankreichs brach jedoch zunehmend die Verbindung nach Lissabon zusammen. Zeitweise übernahm das schwedische Göteborg dessen Position.

Kriegsgefangenenpost als historische Quelle

 

„Seit 5 Jahren habe ich nur das auszufuehren was man mir aufgibt, sei frueher beim Militaer gewesen oder jetzt noch vielmehr in Gefangenschaft. Das stumpft alles gewaltig ab.”

Gewalt und Tötungsbereitschaft, das Leben und Zerbrechen im Krieg, die Verrohung oder auch der ideologische Glaube lassen sich in den Briefen höchstens erahnen. Themen der Briefe waren meist andere. Sie wurden bewusst für bestimmte Adressaten verfasst. Dennoch sind sie als Quelle, aus der sich Erlebnis- und Blickweisen rekonstruieren lassen, wichtig. Mentalitäten, Alltagserfahrungen und individuelle Strategien zur Bewältigung des Erlebten werden in ihnen sichtbar. Die Dokumente werden deshalb weder verkürzt wiedergegeben, noch sind sie orthografisch oder in ihrer Grammatik an moderne Formen angepasst worden.

Die ungeschriebenen Dimensionen nahmen dennoch einen bedeutenden Raum ein. Das zeigt sich beispielsweise in den Abhörprotokollen aus den Gefangenenlagern der Westalliierten. In den Erzählungen der Gefangenen spielten ungeschönte Gewalterfahrungen und -ausübungen sehr wohl eine wichtige Rolle. Sie berichten vom Schießen, Zerstören oder Töten, teilweise aus Pflichtbewusstsein oder reinem Vergnügen.

Gleiches gilt für die Lager: Oberste Maxime der Lagerführung war Ruhe und Ordnung. Entsprechend wurden Militarismus, interne Hierarchien und die einhergehende Disziplin zeitweise toleriert oder gar befürwortet.

Dem deutschen Afrikakorps wird beispielsweise eine starke nationalsozialistische Gesinnung nachgesagt. Die Soldaten gerieten zu einem frühen Zeitpunkt in Gefangenschaft, als sich Deutschland auf dem Höhepunkt seiner geografischen Ausdehnung befand. Unter den Gefangenen wurde auf antimilitärisches Verhalten, Abneigungen gegenüber dem Nazi-Regime und Deserteure hart reagiert. Das umschloss neben Repressalien gegen Heimkehrer und deren Familien auch Misshandlungen bis hin zu Morden. Eine homogene Einstellung lässt sich für deutsche Soldaten in den Lagern jedoch nicht nachweisen, da zunehmend eine Separierung der Soldaten angestrebt wurde. So gab es Lager für Befürworter der nationalsozialistischen Ideologie und für deren Gegner, für Offiziere und für einfache Soldaten.

Sammlung und Erinnerung

 

„Seine Briefe nach dem Kriege habe ich alle aufgehoben, sie sind mit der Maschine geschrieben, und machen einen dicken Band, zusammengefasst wohl mal hochinteressant fuer ne kommende Generation zu lesen.”

Feldpostbriefe, in deren Sammlungsbestand sich auch die Kriegsgefangenenpost findet, gehörten bereits zu den ersten Sammlungsstücken des Reichspostmuseums. Es wurde 1872 als erstes Postmuseums der Welt von Generalpostdirektor Heinrich Stephan gegründet. Der Schwerpunkt lag jedoch auf der postgeschichtlichen und philatelistischen Dokumentation der Beförderungsvermerke Aufschrift, Stempel und Briefmarke.

Erst mit der Wiedereröffnung des Postmuseums als Museum für Kommunikation Berlin im Jahr 2000 erlangte die Feld- und Kriegsgefangenenpost einen neuen Stellenwert. Einerseits wurde die Institution kultur- und kommunikationsgeschichtlich kontextualisiert und andererseits auf die Kommunikationsinhalte der Briefe eingegangen.

Die Museumsstiftung besitzt heute die umfassendste Feldpost-Briefsammlung Deutschlands aus über drei Jahrhunderten. Insgesamt 130.000 Feld- und Kriegsgefangenenpostsendungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs bilden das Gros des Bestands. Die Kriegsgefangenenpost stellt mit weniger als fünf Prozent jedoch nur einen Bruchteil davon dar.

Auch heute sammelt das Museum noch Feldpostdokumente, egal aus welcher Epoche, und nimmt diese historischen Zeugnisse dankend an. Für weitergehende Recherchen und die Sichtung der Sammlung ist nach vorheriger Anmeldung ein Besuch in unserem Berliner Archiv ebenso möglich.